»Wenn der morgige Tag ohne mich beginnt

Wenn der morgige Tag ohne mich beginnt und ich nicht mehr da sein werde, um ihn zu erleben;
wenn die Sonne aufgeht und Dich tränenüberströmt vorfindet;
wünschte ich so sehr, Du würdest nicht so weinen, wie Du es heute tust,
beim Gedenken der vielen Dinge, die wir uns nicht mehr sagen konnten.

Ich weiß, wie sehr Du mich liebst, genauso wie ich Dich liebe,
und jedes Mal, wenn Du an mich denkst, weiß ich, dass auch Du mich vermisst;
aber wenn der morgige Tag ohne mich beginnt, versuch bitte zu verstehen,
dass ein Engel gekommen ist, meinen Namen gerufen hat und mich bei der Hand nahm,
weil er sah, dass mein Platz im Himmel ganz weit droben bereit war,
und dass ich all jene zurücklassen würde, die ich so inniglich liebe.

Als ich mich aber abwandte, um zu gehen, lief mir eine Träne übers Gesicht,
denn mein ganzes Leben lang wünschte ich, niemals zu sterben.
Ich hatte so Vieles, für das es sich zu leben lohnte, so Vieles, das mir noch zu tun blieb,
es erschien nahezu unmöglich, dass ich Dich verlassen würde.
Ich dachte an all die gestrigen Tage, die guten und die schlechten,
ich dachte an all das, was wir teilten und die Freude, die wir hatten.

Wenn ich gestern noch mal erleben dürfte und sei es nur für einen Augenblick,
würde ich auf Wiedersehen sagen und Dich küssen und vielleicht lächeln sehen.
Aber dann wurde mir bewusst, dass dieses niemals sein wird,
dass Leere und Erinnerungen meinem Platz einnehmen werden.

Und als ich an die weltlichen Dinge dachte, die ich morgen vielleicht vermisste,
dachte ich an Dich und als ich dieses tat, füllte sich mein Herz mit Kummer.
Als ich jedoch durch die Himmelspforte schritt, fühlte ich mich so sehr zu Hause.
Als Gott auf mich herabsah und mich anlächelte, von seinem großen, goldenen Thron aus,
sagte er „dieses ist die Ewigkeit und alles was ich dir versprach,
heute hat dein Leben auf Erden geendet, aber hier beginnt es nun von neuem.
Ich verspreche kein Morgen, aber das Heute wird ewig dauern,
und da jeder Tag gleich ist, gibt es kein Sehnen nach der Vergangenheit.“

Wenn also der morgige Tag ohne mich beginnt, wisse, wir sind nicht weit voneinander entfernt,
denn jedes Mal, wenn Du an mich denkst, bin ich genau hier in Deinem Herzen.«

[Fundort: eine liebe, über 70jährige Bekannte hatte mir diesen Text
in der Originalfassung in Englisch gegeben und mich darum gebeten,
ihn für sie zu übersetzen.
Der Text stand auf einer Trauerkarte zum Tode eines Freundes, der vor
50 Jahren nach Kanada ausgewandert war.
Mich hat er zu Tränen gerührt.]

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3 Responses to Fundworte #247

  1. Clara Schulz sagt:

    Wow, ein wunderschöner Text, der mich ebenfalls sehr berührt hat.
    Die Übersetzung ist dir sehr gut gelungen! Beruflich muss ich auch häufig Texte übersetzen, daher weiß ich, wie schwer das macnhmal sein kann – vor allem bei Gedichten. Deshalb: Hut ab, du hast genau die Worte gefunden, die mich berührt haben. :-) Und auf Deutsch gefällt es mir sogar einen Tick besser als im Original. Vielen Dank dafür!

  2. Pennie sagt:

    Beim Lesen dieses Textes musste ich sehr weinen.
    Ich weiß, dass mein Mann sehr ähnlich in seinen letzten Tagen empfand…
    Und ich wünsche mir sehr, dass es ihm „_auf der anderen Seite“ gut geht….
    Nach über 30 Jahren Gemeinsamkeit fehlt er mir auch nach 3 Jahren noch immer
    sehr.
    Gerade in schönen Momenten…
    Danke für diesen wunderbaren Text
    Pennie

    • fundwerke sagt:

      Es geht immer noch ein bisschen weiter – was zählt ist die Liebe, die in einem Leben erwacht ist und über alle Abschiede hinaus weiterlebt. Ich wünsche Dir, dass Du der Freude weiterhin auf der Spur bleibst und die schönen Momente, wenn auch anders, mit Deinem Mann teilen kannst.

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