Die alte Dame war verwirrt und lag in ihrem Bett. Meinte, ich solle jetzt nach oben gehen, es habe geklopft, die Kinder würden nach Hause kommen, ich müsse endlich Essen kochen. Auch wenn sie nicht alleine hier bleiben wolle.
Sie war verängstigt.
Ich beruhigte sie, indem ich ihr sagte, dass die Kinder heute später kämen, ich also noch Zeit hätte, bei ihr zu bleiben.
Sie lächelte. Sie wurde ruhiger. Sie schloss sogar ein wenig die Augen und hielt meine Hand.

Doch mit einem Mal schaute sie mich mit großen, trüben Augen an – ich sollte die Terassentür öffnen – sie würde Besuch erwarten.
Ich öffnete die Tür, frische Luft drang in das halbdunkle Zimmer.
Sie bat mich, zu bleiben, bis der Besuch da sei. Ich sagte ihr, dass ich noch Zeit hätte, um mit ihr zu warten.
Wieder schloss sie ein wenig die Augen. Atmete tief durch. Sagte leise, sie könne die Luft auf ihrem Gesicht spüren.

Ein paar Minuten später war sie hell wach. Sie bat mich, die Tür wieder zu schließen. Der Besuch komme später. Aber eines wolle sie mir sagen:
Wenn es langsam zu Ende gehe, dann sei es wichtig, sich zu erinnern – an Freunde und liebe Menschen, die bei einem waren.
Dann schloss sie erneut die Augen. Murmelte noch, sie wolle sich noch ein wenig ausruhen, bevor sie die Küche aufräumen müsste.

Später kam ihr Mann zu ihr zu Besuch. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Ihn hatte sie sofort erkannt.

Meine Besuchszeit war zu Ende. Ich verabschiedete mich von den beiden.

Draußen auf dem Gang der Palliativstation musste ich sofort an ein Lied denken, das ich ein paar Tage zuvor mit einer Freundin „neu“ entdeckt hatte – es beschreibt alles, was ich im Zimmer der alten Dame die Stunde zuvor gefühlt hatte:

»Old and wise

As far as my eyes can see
There are Shadows approaching me
And to those I left behind
I wanted you to Know
You’ve always shared my deepest thoughts
You follow where I go
And oh when I’m old and wise
Bitter words mean little to me
Autumn Winds will blow right through me
And someday in the mist of time
When they asked me if I knew you
I’d smile and say you were a friend of mine
And the sadness would be Lifted from my eyes
Oh when I’m old and wise
As far as my Eyes can see
There are shadows surrounding me
And to those I leave behind
I want you all to know
You’ve always Shared my darkest hours
I’ll miss you when I go
And oh, when I’m old and wise
Heavy words that tossed and blew me
Like Autumn winds that will blow right through me
And someday in the mist of time
When they ask you if you knew me
Remember that You were a friend of mine
As the final curtain falls before my eyes
Oh when I’m Old and wise
As far as my eyes can see«

… und so ähnlich auf Deutsch:

»Alt und weise

So weit mein Auge reicht
kriechen Schatten auf mich zu
und an all diejenigen, die ich zurückgelassen habe:
Ich wollte dass ihr wisst
dass ihr immer meine tiefsten Gedanken geteilt habt
ihr folgt mir, wohin ich auch gehe

Und oh, wenn ich alt und weise bin
werden bittere Worte mir wenig bedeuten
Herbststürme werden geradewegs durch mich hindurch blasen
und eines Tages, in der Mitte der Zeit
wenn man mich fragt, ob ich dich gekannt habe
werde ich lächeln und sagen, dass wir befreundet waren
und die Traurigkeit wird von meinen Augen abfallen
Oh, wenn ich alt und weise bin

So weit mein Auge reicht
bin ich von Schatten umgeben
und an all diejenigen, die ich zurücklasse:
Ich möchte, dass ihr wisst
dass ihr immer meine dunkelsten Stunden geteilt habt
ich werde euch vermissen, wohin mein Weg mich auch führt

Und oh, wenn ich alt und weise bin
werden schwere Worte, die mich einst geschüttelt und zerzaust haben
wie Herbststürme geradewegs durch mich hindurch blasen
Und eines Tages, in der Mitte der Zeit
wenn man mich fragt, ob du mich gekannt hast
dann erinnere dich daran, dass wir befreundet waren
wenn der letzte Vorhang vor meinen Augen fällt
Oh, wenn ich alt und weise bin

So weit mein Auge reicht«

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