… vom Glück des Lebens und vom Sterben.

Ohne, dass das Wort „Liebe“ auch nur ein einziges Mal in diesem Film vorkäme, spricht er doch in leisen, gefühlvollen, aber auch bitteren Bildern und Beobachtungen nur davon.

Ich habe den Film vor ein paar Wochen alleine angeschaut – eine Frau, die ich auf der Palliativstation besucht hatte, hatte ihn mir empfohlen. Ich hatte ihr versprechen müssen, ihn mir auf jeden Fall anzusehen. Es war ihr wichtig. Ich weiß, warum. Seither muss ich immer wieder an den Film denken.

Schon während ich „Liebe“ sah, musste ich parallel ständig an meine Eltern und meine Schwiegereltern denken, dachte ich über meinen Mann und mich, unsere Familie nach. Mit dem Film stellt man sich der Angst  – der Angst vor dem Alter, vor der Krankheit, dem gebrechlich werden – ungeschminkt.

Der pensionierte Musikwissenschaftler Georges hat das Leben an der Seite seiner Frau Anne verbracht. Mit ihrem Schlaganfall, der die Klavierlehrerin an den Rollstuhl fesselt, ändert sich für den über 80-Jährigen einiges. So gut es geht, kümmert sich der gebrechliche Georges um seine Frau, der er das Pflegeheim ersparen will. Ein zweiter Schlaganfall stellt ihre jahrzehntelange Liebe auf eine Zerreißprobe.

Die erste Szene des Films zeigt eine Wohnungstür, Altbau, von innen. Ein paar kräftige Schläge, die Tür wird aufge­bro­chen. Davor steht eine Truppe Feuerwehrleute. Draußen wird über „sie“geredet, die man lange schon nicht mehr gesehen habe. Gemeinsam mit einem Beamten tritt man ein, wirft einen Blick in ein Wohn­zimmer, Fenster werden geöffnet, eine mit Klebeband versie­gelte Tür aufge­he­belt. Darin, auf dem Bett, festlich angezogen und mit Blumen geschmückt, die Leiche einer alten Frau – ihr Gesicht ist einge­fallen und schön zugleich.
Man glaubt zu wissen, worauf der Film zuläuft. Aber eigent­lich weiß man nichts …

Der Film spielt allein in der Wohnung des alten Ehepaars. Anne und Georges werden dieses Refugium zwar ein paar Mal verlassen – der Zuschauer allerdings nicht mehr.
Es gibt keine einzige Szene auf der Straße, an der frischen Luft, in der Sonne, in der Natur. Dadurch, so denke ich, entstand bei mir diese fast atemberaubende Konzentration.
Man beobachtet, wie sich Georges und Anne in ihren Gewohnheiten, ihrer Zuneigung füreinander, im Wunder ihres Sich-Ergänzens mehr und mehr einschließen, so wie man als Zuschauer von Regisseur Michael Haneke für die Dauer des Films in dieser Wohnung eingeschlossen wird.

Die Zuneigung der beiden Menschen zueinander ist allein zwischen den Zeilen spürbar: in der Art, wie sie einander Alltagsdinge und Geschichten von früher erzählen – und vor allem darin, was sie tun – wenn die verzweifelte Tochter zu Besuch kommt, wenn die Stimmbänder nicht mehr gehorchen, wenn Windeln angelegt und herzloses Pflegepersonal entlassen werden muss, wenn Anne sterben will, bockig wird wie ein kleines Kind und dem unglaublich geduldigen Georges das Wasser aus ihrem Trinkbecher ins Gesicht spukt. Seine Reaktion, und ihr gemeinsames Erschrecken darüber, wird die mächtige Prüfung ihrer Liebe sein – ein Abgrund, der sich unter den beiden auftut. Trotzdem werden sie nicht abstürzen.

Obwohl der Film so leise daher kommt, hat er mich gefesselt, hat mich zum Lächeln gebracht, wütend gemacht, zum Schreien – ja tatsächlich – ich konnte weder meine Augen noch meine Gefühle von den Bildern lassen.

Ein so trauriger, intensiver Film, so bewegend und zärtlich, dass es beim Zusehen schmerzt.
In den letzten Szenen sehen wir Georges allein in der Wohnung. Er fängt eine Taube ein, die sich durch’s offene Fenster in den Flur verirrt hat. Minu­ten­lang …

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