Was man vermisst, wenn man nicht mehr einfach so losgehen kann, gelingt mir zumindest zu einem Teil gut nachzuempfinden.
Nach einem fremdverschuldeten Skiunfall durfte ich vor 14 Jahren nach drei Monaten Krankenhaus sowie stationärer und ambulanter Reha das erste Mal wieder mit beiden Beinen und Unterstützung von Gehhilfen auf dem Boden stehen, und wieder gehen lernen – ein halbes Jahr später konnte ich mich endlich wieder unter voller Körperlast auf meine beiden Beine verlassen und ganz normal gehen.

»Es ist ein Missverständnis, dass es niemals wehtun darf, wenn du gehst. (…) Die Natur hat uns den Schmerz als eine lästige Qual beschert, aber nicht allein deshalb. Schmerz ist auch nützlich und erfreulich, denn dadurch können wir sicher sein, auch das Gefühl von Wohlbehagen und nicht zuletzt das Ausbleiben von Schmerz zu spüren, wenn er schwindet.«

Manch Erreichtes, manches Erlebnis wird tatsächlich belanglos, wenn der Weg dorthin schmerzfrei war. Auch diese Erfahrung habe ich 2007 gemacht … nicht nur dann.

Vor dem Unfall war für mich mein Gehen-Können eine Selbstverständlichkeit. Danach, beim Nicht-Gehen-Können, hat mir bisweilen allerdings nicht nur das reine Gehen an sich gefehlt.

Als hätte ich es nicht schon zuvor gewußt – aber beim Lesen des Buches von Erling Kagge wurde es mir so richtig bewußt: Gehen, gehen können – für mich eine alltägliche, aber auch zufriedenstellende Handlung, aus der meine Gesundheit, meine Widerstandskraft, meine Kreativität und meine Stimmung unglaublich schöpfen und abhängig sind. Wie schnell kann mich schon ein kurzer Spaziergang auf andere Gedanken bringen und mich wohler lassen.

»Jeder Körper empfindet Freude auf seine eigne Weise, es kann ein Kind sein, das seine ersten, zögerlichen Schritte macht, ein Rollstuhlfahrer, der sein Gefährt beherrscht und sich frei bewegen kann, oder jemand, der geht. Die Welterfahrung ist das Wesentliche, egal, in welcher Form es geschieht«,

so der Schriftsteller Jan Grue, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, wenn er  längere Distanzen zurück legen möchte.

»Es macht einen Unterschied, ob man lebt oder sein Leben führt

»Zu sein heißt nicht nur, in der Welt zu sein, wie es Steine sind, sondern sich zur Welt zu verhalten. Wir Menschen, betont (der Philosoph) Heidegger, müssen bereit sein, Bürden auf uns zu nehmen, um frei zu sein. Entscheidet man sich für den Weg des geringsten Widerstands, wird diese Alternative, die auf den ersten Blick die wenigsten Probleme mit sich bringt, immer Vorrang haben. Dann ist die Wahl vorherbestimmt, und man lebt nicht nur ein unfreies, sondern auch langweiliges Leben.«

»Es gibt einen Weg. Es ist dein Weg, und du erschaffst ihn beim Gehen, sogar wenn du auf denselben Pfaden wanderst wie andere. (…) Man kann immer umdrehen, jede Minute des Tages, doch der Weg zurück ist ein anderer.«

Ich denke, es geht darum, „das Gehen“ als Bewegung an sich zu verstehen – sei es im einfachen Gehen, Schaukeln, Wandern, Tanzen, Rollstuhlfahren, Fahrradfahren, den Rollator schiebend – Neues zu sehen, neuen Input zu bekommen, anderes wahrnehmen zu können, sich selbst anders wahrzunehmen. Was für ein Geschenk, wenn man sich „einfach nur“ bewegen und damit seinen Standort und -punkt ändern kann.

Das Buch „Gehen. Weiter gehen“ ist auch ein Angebot, sich selbst zu entdecken oder zumindest ein wenig besser kennenzulernen. Ein Buch über die Kraft und Freiheit des Gehens – unterstützt mit persönlichen Geschichten des Autors.

Erling Kagge, geboren 1963 ist Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler, Bergsteiger, Vater von drei Töchtern, er lebt in Oslo. Der norwegische Abenteurer hat als erster in der Geschichte die »drei Pole« erreicht – den Süd- und Nordpol und den Mount Everest. Wochentags läuft er zu Fuß zur Arbeit, am Wochenende bricht er auf in die Natur.

»Das Leben ist ein langer Fußmarsch«,

sagt Kagge.

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