Wer mich besser kennt, weiß, dass ich mich an manche Situationen sehr gut erinnern kann – selbst, wenn sie schon Jahre zurück liegen, weiß ich zum Beispiel mitunter tatsächlich noch ganz genau, was andere Leute oder ich selber bei dieser einen Gelegenheit anhatten. Dabei wünschte ich, dass ich mich manches Mal lieber an andere, „wichtigere“ Dinge erinnern könnte …

Damit das Gedächtnis richtig funktioniert, muss es zunächst vergessen – das kling paradox, ist aber so. Ein wirklich gutes Gedächtnis erkennt man daran, dass es die richtigen Dinge vergisst, sagt Hirnforscher Ernst Pöppel: „Eine der wichtigsten Fähigkeiten unseres Gehirns ist das kreative Vergessen.“ Problematisch wird es, wenn das Falsche verloren ginge. Wir Menschen haben normalerweise einen strengen Filter, der dafür sorgt, dass nur Dinge im Gedächtnis haften bleiben, die bedeutsam und emotional aufwühlend sind und mit denen wir etwas assoziieren können.
Da scheint wohl mein Filter manchmal defekt zu sein bzw. die Löschtaste nicht immer perfekt zu funktionieren.

Und dann gibt es da noch das Phänomen der sogenannten Erinnerungsverfälschung – Manche Menschen scheinen Erinnerungen auch nachträglich zu verändern. Laut der Theorie des life scripts erstellen wir in unserem Gedächtnis eine Art Skript für unser bisheriges Leben, in dem viele Erlebnisse geschönt abgespeichert werden.

Erinnerungen – spannendes Thema. Auch deswegen, wollte ich unbedingt das neuste Buch von Abbas Khider „Der Erinnerungsfälscher“ lesen. Aber auch, weil mir schon andere seiner Bücher sehr gut gefallen, mich nachhaltig beeindruckt haben; wie z. B. „Ohrfeige“.

Haben Sie manchmal Heimweh, Abbas Khider?
»Dafür bräuchte man schöne Erinnerungen«,

 

so A. Khider im Interview in der ZEIT vom 17. Februar 2022.

In Abbas Khiders Roman geht es um die Kraft unserer Erinnerungen, was sie für einen Menschen bedeuten und wie sehr man ihrer Richtigkeit vertrauen kann oder auch nicht.

Der Roman handelt von Said Al-Wahid, der als junger Erwachsener aus dem Irak über mehrere Umwege nach Deutschland kam. Zu Beginn des Buches erfährt er vom bevorstehenden Tod seiner Mutter und macht sich auf, nach Bagdad zu fliegen. Diese Reise ist die Rahmenhandlung des Romans.
Said ist ein Fremder in seiner neuen Heimat, trotz Frau und Kind, aber auch in seiner ehemaligen Heimat – dem Irak, aus dem er geflohen ist. Seine Mutter liegt im Sterben und so beginnt er widerstrebend seine Reise in den Irak, aber auch in seine Vergangenheit. Es geht um Asylanträge, seine Flucht, Rassismus und das Leben in der Fremde. Abbas Khider lässt Said nicht nur einmal an seinen Erinnerungen zweifeln und stellt die Frage, wie wir und ob wir unserem Gedächtnis tatsächlich trauen können.

»Es gibt Orte im Gedächtnis, die sind wie Minenfelder, sie können einen in Stücke reißen. Ein Leben kann schön und erträglich sein – wenn man diese Orte meidet.«

(S. 47/48)

Ich mag Abbas Khiders Schreibstil – wunderbare Poesie, minimalistisch, in der das Gefühlvolle immer wieder zwischen den Zeilen aufblitzt.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad im Irak geboren. Er wuchs mit acht Geschwistern auf, seine Eltern waren Analphabeten, verdienten sich mit dem Handel von Datteln ihren Lebensunterhalt.
Im Alter von 18 Jahren kam Abbas Khider in die Foltergefängnisse Saddam Husseins, wurde insgesamt elf Mal verhaftet. Vier Jahre nach Haftentlassung und Flucht kam Khider nach Deutschland, machte erneut sein Abitur und studierte danach Philosophie.

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2 Responses to Kannst Du Deinen Erinnerungen trauen?

  1. Das klingt nach einem spannenden Buch.
    Auch ich habe Erinnerungen vergessen oder gefälscht, um weiter leben zu können, doch in der Nacht blitz die Wahrheit immer wieder auf.

    • fundwerke sagt:

      Liebe Margarete, wie schön hier nach längerer Zeit mal wieder etwas von Dir zu lesen! :) Ich wünsche Dir, dass Deine Nächte in ihrer Mehrheit ruhig sind, damit Du darin Kraft sammeln kannst, die Wahrheits-Blitze Dich nicht nicht zu häufig aufschrecken lassen.

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