Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern: im Rahmen eines Seminars an der Uni stellte ich das Thema meiner Magisterarbeit vor – es ging um die Umweltkonferenzen der Vereinten Nationen. Zu diesem Zeitpunkt war mein Literaturverzeichnis auf knapp 70 DIN A4-Seiten angewachsen, ich hatte Interviews mit Regierungsvertretern als auch mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen geführt.

Im Seminar ergab sich eine Diskussion über Umweltpolitik, die Verantwortung und die Gefahren für junge und zukünftige Generationen.
Da ich mich so richtig tief ins Thema eingegraben hatte, diskutierte ich entsprechend leidenschaftlich. Vor allem mit Blick auf diejenigen, die damals nichts von der Notwendigkeit von Umweltpolitik hielten oder den Klimawandel leugneten. Unter uns jungen Leuten ging es ziemlich emotional hin und her.

Der Prof sagte nicht viel – Internationale Politik war zwar eines seiner Fachgebiete, zum Thema Umweltpolitik hatte er sich wohl noch nicht so viele Gedanken gemacht … bis er mir dann plötzlich wie aus dem Nichts ins Wort fiel und sagte: „Mädchen, jetzt reg‘ dich mal nicht so auf, ist doch alles nicht so schlimm, die Erde wird sich morgen auch noch drehen.“ Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen, kämpfte mit den Tränen vor Wut und Enttäuschung und sagte … nichts mehr. Ich war sprachlos. Hatte in diesem Moment leider nicht die Selbstsicherheit, etwas zu entgegnen. Sonst auch niemand. Die Diskussion war damit beendet.

Immerhin – ein paar Tage später bin ich zu ihm, dem Prof, in die Sprech- stunde, habe meine Arbeit zu Ende geschrieben; dieser Prof war mein Erstkorrektor.

Ob ich mag, wenn junge Leute eine Meinung haben und diese auch öffentlich aussprechen? Ja.
Ob ich Greta Thunberg mag? Das kann ich nicht sagen, ich kenne sie nicht persönlich.
Ob ich Schuleschwänzen unterstütze? Nein, das unterstütze ich nicht.
Ob ich mag, was und wie zum Teil über Greta Thunberg und andere engagierte Jugendliche gesprochen und geschrieben wird? Nein, das mag ich ganz und gar nicht.

Warum? Es scheint, als hätten einige Leute, Kommentatoren, Journalisten und Politiker beim Thema Greta Thunberg und ihrem Engagement für das Klima mehr Angst vor einer 16-Jährigen Klimaaktivistin und vor „freiheitsraubenden“ Maßnahmen gegen den Klimawandel für die Zukunft der jüngeren Generationen, als vor Neonazis, Fakenews oder der Spaltung ganzer Nationen durch Populismus und Hetze.

Man könnte sich ja auch kritisch auseinandersetzen mit dem, was Greta sagt. Aber einige fühlen sich scheinbar nach einem „ordentlichen“ bashing, öffentlichen Beschimpfungen unter der Gürtellinie, erst so richtig gut, sind gar nicht an einem echten Dialog interessiert.
Wie sonst kann es sein, dass vermeintlich kultivierten Erwachsenen jede Distanz abhanden gekommen zu sein scheint, wenn es um Teenager und/oder Klimaschutz geht.

Ich frage mich, woher kommt diese unbändige Wut einiger Erwachsener auf Jugendliche, die sich engagieren?
Es ist doch schon fast lächerlich, wenn sich vornehmlich erwachsene Menschen wie Kinder aufführen, wenn Jugendliche für ihren Geschmack zu viel Aufmerksamkeit bekommen.

Das ist doch eine Farce, was momentan in dem Zusammenhang passiert:

Zeichnet Jugendliche juveniler Übermut aus, der Affekt und Impuls vor Erfahrung und Expertise setzt, wird ihnen vorgeworfen, nicht gebildet oder kompetent genug zu sein. Ihnen wird nicht zugestanden, sich sinnvoll über Themen äußern zu können, die gerade junge Menschen ganz besonders betreffen, wie zum Beispiel Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Abfallregulierung oder auch Aufstehen gegen Rechts. Tenor: Ihr habt keine Ahnung, ihr seid zu jung, ihr könnt das nicht beurteilen.

Sind Jugendlichen allerdings zu gut vorbereitet, zu schlagfertig, zu talentiert im Umgang mit den Medien und können ihr Anliegen wirkungsvoll und fundiert artikulieren, gelten sie als altklug, vorlaut, berechnend. Dann echauffiert man sich über ihre Reflektiertheit, Selbstsicherheit und die Professionalität, mit der sie die ihnen zugeteilte Aufmerksamkeit nutzen. Dann sagt man, solche Jugendliche könnten ja nur von Erwachsenen manipuliert worden sein, die die leicht formbaren Opfer für ihre politischen Zwecke einspannten. Jeder wisse doch, dass es jahrelange Routine und Übung brauche, um zu wissen, was man wolle und dann mindestens nochmal die selbe Zeit, um es in ganzen Sätzen kommunizieren zu können.

Die unrühmliche Gehässigkeit, mit der Teenagern, in diesem Fall konkret Greta Thunberg, von manchen Leuten vorgehalten wird, zum Beispiel nicht genügend Erfahrung zu haben, zu wenig zu lächeln oder Ähnliches, ist derart bieder und achtlos, manches Mal derart im Ton vergriffen, dass ich mich frage, ob die Kritiker nur Angst haben, ihre „Errungenschaften“ zu verlieren, weil am Status Quo und damit an der Komfortzone gekratzt wird, oder ob sich hier vielleicht noch der Unmut über das eigene Leben hinzugesellt.

Ich kann mich teilweise nur noch wundern.

[#ichbinhier]

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