Es ist so weit. Ich schaue in den Spiegel, die Worte meiner Freundin M. klingen mir in den Ohren: „Kurz steht dir!“ „So?“ „…, noch kürzer!“ Meine Freundin M. meint es gut mit mir, das weiß ich. Trotzdem, sie hat gut reden mit ihren langen, wallenden Haaren. Das ist 1. Liga. Für die werde ich mich nie qualifizieren – nicht mehr in diesem Leben, damit habe ich mich abgefunden.

Ich hab‘ wirklich schon viel ausprobiert. Dass ich überhaupt noch Haare auf dem Kopf habe, rechne ich eben diesen hoch an!

Glätteisen

Leute, die mich schon länger durch mein Leben begleiten wissen – meine Haare und ich, das ist eine lebenslange Problembeziehung: zu dünn, zu glatt (keine hat solche Schnittlauchlocken wie ich, es glaubt mir nur niemand; bis dann der Friseur das erste Mal meine Haare gewaschen hat und versucht mit dem entsprechenden Schaum, die Naturwellen ein wenig herauszuarbeiten, die nicht da sind…) Die Erkenntnis trifft dann nicht nur mich erneut wie einen Schlag. Wie sagte meine aktuelle Frisörin erst neulich wieder zu mir: “ Was du in deinem Leben mit Sicherheit niemals brauchen wirst ist ein Glätteisen.“ Diese Ehrlichkeit schätze ich an ihr!

Löwenmähne

Ich wollte immer eine Löwenmähne. Meine großen Vorbilder waren Farrah Fawcett und später dann, wie konnte es anders sein, Julia Roberts. Wenn ich mir heute so mein Bild im Führerschein anschaue, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass das damals schließlich total ‚in‘ war. Vergesse aber gerne, dass mein kleiner Bruder mich eines Tages ehrlich aber auch sehr direkt als ‚Pudel‘ bezeichnet hat. Nicht gerade das, was man in der Phase der Selbstfindung von Geschwistern hören möchte. Aber – er hatte mich wenigstens erkannt, als ich vom Friseur wiederkam. Das war schließlich nicht immer so.

Überhaupt gab es damals kaum Menschen, die nicht mit einer Dauerwelle – von der Friseurinnung besonders empfohlen wurde die „saure“, die allerdings auch ein wenig teuer, damit aber für die Kopfhaut verträglicher war – auf dem Kopf rumliefen. Ich glaube, mein Bruder war einer der wenigen ohne.

Ich erinnere mich auch an einen schönen, warmen Nachmittag im Frühjahr (ich muss um die 9 Jahre alt gewesen sein), da erkannte mein Bruder mich mit meinem neuen Kurzhaarschnitt nicht, als ich plötzlich vor ihm im Garten stand, und rief verzweifelt nach seiner, also unserer, Mama. Fairerweise sollte ich vielleicht an dieser Stelle erwähnen, dass mein Bruder acht Jahre jünger ist als ich.

Naja, wirklich lang trug ich meine Haare als Kind nie. Und das war wohl auch gut so. Der Kleinkindtopfhaarschnitt ging irgendwann nahtlos in einen Pagenkopf über. Und der sah gar nicht mal so schlecht aus!

Haarspaltereien

Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule ging es los – ich habe mir die Haare wachsen gelassen. Ich kämpfte um jeden Zentimeter, ging regelmäßig zum Spitzenschneiden, investierte mein Taschengeld in Kuren, Cremes und Spurenelemente von innen. Alle Hilfsmittel waren von nun an fürs Styling zugelassen: Volumenschaum, Fönfestiger, Haarspangen, -gummis, -reifen, Schleifen. Dazu kamen chemische Eingriffe von Dauerwelle (selten die gute „saure“, denn dafür fehlte mit das notwendige Taschengeld) über gemeinsames Strähnchenfärben bei der Freundin zu Hause (waren Block-Strähnchen wirklich mal so angesagt?) bis hin zur Tönung mit innovativem Tönungsschaum. Dieser sollte sich eigentlich nach 4 – 6 Haarwäschen wieder auswaschen. Tat er aber nicht. Dafür waren meine Haare wohl schon zu porös, sie verwechselten Tönung mit Haarkur und hielten einfach ein wenig länger an der vermeintlich goldblonden Haarfarbe fest, die sich auf meinem Kopf eher als Ockergelb herauskristallisierte.

Tröstlich war allerdings, dass es, was die Haarfarbe betrifft, der ein oder anderen Freundin ganz ähnlich erging – nur mit dem Unterschied, dass sich der versprochene warme Kupferton eher als stumpfer Rostton festsetzte.

Egal, auch heute noch sieht man immer wieder alte Damen stolzen Hauptes durch die Fußgängerzone gehen. Sie werden beim Frisör mit dem Glauben entlassen, sie trügen einen edlen Silberton – tatsächlich handelt es sich aber eher um ein schräges Lila.

Frisuren-Styler

Ach ja, und dann war da noch diese grandiose Brigitte-Aktion, bei der man mit einem Passbild (das sind ja ohnehin meistens die gelungensten, natürlichsten Fotos) Frisuren und Haarfarben am eigenen Foto ausprobieren konnte. Modische Kurzhaarschnitte, Locken oder elegante Hochsteckfrisur – alles kein Problem. Man schickte das Passbild an die Redaktion und bekam gegen entsprechendes Rückporto, wenn ich mich richtig erinnere, drei Wunschfrisuren als Fotomontage-Ausdrucke zurück. Damals gab’s eben noch kein Bildbearbeitungsprogramm, dass jede mit ihren Haaren unzufriedene Frau am heimischen Computer problemlos bedienen konnte.

Dünn oder fein?

Dünn, fusselig, splissig, trocken. Frisöre, die mich als Stammkundin gewinnen wollte, sprachen von ‚fein‘. Recht hatten sie. Bei dem ein oder anderen wurde ich dann tatsächlich auch Stammkundin, sie lernten mich und meinen Kopf kennen, das Haupthaar wurde tragbarer. Eine ausgewachsene Haarkrise bekam ich allerdings immer dann, wenn es mal wieder ans Kisten packen ging, der Umzugslaster vor der Tür stand. Jetzt begann nicht nur für mich erneut eine Reise ins Unbekannte.

Perücken

Vielleicht liegt in meiner Haargeschichte auch mein Faible für Karnevalsperücken begründet? Schon als Kind habe ich mich nicht nur wegen der dramatischen Sterbeszene im damals noch jugoslawischen Felsmassiv gerne als Winnetou verkleidet oder warf entrückt ein um den Kopf gewickeltes großes Duschhandtuch von links nach rechts über die Schulter. Später spielte ich mit meiner Freundin A. und den Langhaarperücken ihrer Mutter Chantal und Kiki aus die „Zwei himmlische Töchter“ nach. Noch ein wenig später eiferte ich dem wahren Helden ‚Wind in seinem Haar“ aus dem Film „Der mit dem Wolf tanzt“ nach. Auch heute noch habe ich meine Lieblingsperücke: lang, dick, korkenziehergelockt; nur die Farbe ist ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Frieden geschlossen

Es war wirklich nicht leicht, sich abzufinden. Mit den Jahren gelang es mir allerdings immer besser. Wohlmeinende Haarpflegetipps wie „Du musst deine Haare einfach jeden Morgen mit 100 Bürstenstrichen gegen die Wuchsrichtung kämmen, sonst wird das nichts.“ oder „Wahrscheinlich verwendest Du die falsche Bürste, es sollten schon Wildschweinborsten sein!“, schlage ich inzwischen in den Wind. Schließlich kennt niemand meine Haare so gut wie ich.

Außerdem spare ich nicht nur die Investitionskosten für ein Glätteisen. Ich besaß noch nie einen Augenbrauenstift. Zumindest an dieser Stelle auf meinem Kopf sind meine Haare dicht und lassen sich ohne Probleme in die von mir gewünschte Form bringen.

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11 Responses to Haarsträubend

  1. Margot sagt:

    Nena könnt ich mir auch nicht mit einer Wallemähne vorstellen. Der Frisurentrend 2013 geht zum Kurzhaarschnitt. Also bist du fein raus, jedenfalls fürs nächste Jahr – und danach kannst du ja deine Wahnsinnsperücke aufsetzen, wann immer du dich in deinem Haar unwohl fühlst.
    Ich glaube, ich habe dir schon mal gesagt, dass dir die kurzen Haare unheimlich gut stehen;-) Deine Freundin M!

  2. Annett sagt:

    Oh, da scheinen wir Schwestern in Sachen Haardichte und -struktur zu sein. Die gewünschten schwarzen und langen Haaren stellten sich trotz langem und intensivem beten nicht ein. Dies mein Bemühen zwischen meinem siebenten und siebzehnten Lebensjahr, könnte ich ja nun sehr gut mit einer Perücke umsetzen. Das ist wirklich eine gute Idee UND ich sparte mir die Mütze, die mir auch niemals stehen würde.
    Zu meinem Glück fand ich irgendwann einen Friseur, nicht billig – preiswert sage ich dazu. Inklusive eine Massage beim Haarewaschen, diesen Stuhl liebe ich genauso, wie das Gefühl das Schönste aus dem vorhandenen dünnen, blonden Etwas gemacht zu bekommen.
    Herzliche Grüße!

    • fundwerke sagt:

      …herzliche Grüße zurück an die Schwester in Sachen Haardichte. Und – die Kopfmassage ist sowieso das beste bei einem Friseurbesuch!

  3. Steffi Meding sagt:

    Meine Friseurin machte auch meinen eher feinen Haaren Mut mit der Äußerung: die Grauen sind meist dicker und wenn man sie dann noch färbt….
    Also liebe Silke, warte noch ein bißchen, wenn die Zipperlein anfangen, sind wenigsten deine Haare ok.
    Liebe Grüße

    • fundwerke sagt:

      Steffi, danke für die aufbauenden Worte. Wenn das mit den grauen Haaren dann tatsächlich so eintreffen sollte, könnte ich ja wieder in die Länge züchten und mir im hohen Alter den Wunsche der Löwenmähne endlich erfüllen. ;-)

  4. Heidi sagt:

    Herrlich – das war Gesichtsgymnastik (schallendes LACHEN) und schwelgen in Erinnerungen pur – DANKE!!! Die Walle-Perücke ist unschlagbar,
    Du übrigens auch

    • fundwerke sagt:

      …danke! Ja, ich musste an der ein oder anderen Stelle beim Schreiben auch selbst schmunzeln – dass ich mich nun schon mehrere Jahrzehnte mit meinen Haaren beschäftigen muss. Aber so sind „wir Frauen“ eben – wir müssen einfach darüber nachdenken, wie wir unser Haar möglichst vorteilhaft ins rechte Licht rücken. Männer haben da inzwischen weniger Probleme. Die Zeiten, in denen Männer mit leichten Kahlstellen die verbliebenen lang gezüchteten Haarsträhnen sorgfältig vom rechten Ohr über den Kopf bis hin zum linken Ohr legten, sind vorbei. Ein gepflegter, rasierter Kopf ist beim modernen Mann eine durchweg akzeptierte Standardlösung für Glatzenprobleme…

  5. Alex sagt:

    Dieser Artikel hat mir bei dem ganzen momentanen Schul- und Vorweihnachtsstress ein paar sehr heitere Minuten geschenkt. Herrlich! Ich habe herzlich gelacht. Ich musste sehr intensiv an meine eigenen Stylingprobleme der letzten 3 Jahrzehnte denken aber auch an viele gemeinsame Haarereignisse, Haargespräche und Fönaktionen. Die Brigittebilder waren geradezu unglaublich. Man hatte eher Ähnlichkeit mit Lord Heimchen.
    Statt Glätteisen wäre vielleicht ein Kreppeisen eine Alternative. Jedenfalls gäbe es wieder lustige Erinnerungen.

  6. Stephan sagt:

    Das Thema Haare scheint ja bei euch Frauen eine Never-Ending-Story zu sein. Da haben wir Männer echt Glück mit unserer Kahlschlag-Variante. Die Bilder haben mich sehr an meine Freundin aus der Jugendzeit erinnert, die hat auch ziemlich viel herumexperimentiert. Aber Hauptsache, man (frau) fühlt sich wohl und die Frisur sitzt!

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