„Hey“, sagte mir vor Kurzem erst jemand ins Gesicht, „ist doch super, im Homeoffice fürs Internet zu arbeiten. Könnte mir auch gefallen, würde ich damit meine Zeit verbringen. Aber ich habe für sowas überhaupt keine Zeit, hab zuviel anderes zu tun!” — Äh?

Leider lächle ich, wenn ich etwas in dieser Art höre, noch viel zu häufig verkrampft oder bin sprachlos. Ich denke, da geht es einigen Frauen +/- in meinem Alter ähnlich wie mir. Sie machen eine für dieses Alter typische Erfahrung.

Wir haben uns seinerzeit bewußt entschieden: Wir sind für die Kinder zu Hause gebleiben, haben längere Zeit für den Partner, dessen Karriere und die gemeinsamen Kinder zurückgesteckt. Und –  ja, es ist wahr, damit die ein oder anderen Vorteile genossen. Deshalb war es völlig in Ordnung; haben wir alles (meistens) gern getan. Auch wenn diese Entscheidung, den Beruf aufzugeben, für einige unserer Mitmenschen zu unemanzipiert war.

Jetzt wollen wir auf einmal wieder mehr. Je nachdem, was wir vor unserer Elternzeit gemacht haben, wartet allerdings der alte Beruf nicht mehr auf uns. Also wagen wir etwas Neues. Das wiederum ist für manche unserer Mitmenschen zu emanzipiert oder wird nur milde belächelt.
Erstaunlicherweise – oder sollte ich bedauerlicherweise sagen – sind es häufig andere Frauen, die ihren Geschlechtsgenossinnen sowohl die eine, als auch die andere Entscheidung zum Vorwurf machen. Ich finde, das Wort „Stutenbissigkeit“ passt auch für dieses Phänomen ganz gut.

«Andere Frauen in Schröder-Köpfs Alter eröffnen eine Boutique, und wenn die Boutique schlecht läuft, dann gleicht der Mann das Minus aus.» (Quelle: „Die Doris Show“, in: Zeit Online und DIE ZEIT, 20.9.2012 Nr. 39)

Mich ärgert diese Ignoranz, die hinter der Annahme steckt, ich würde meinen Job so nebenher machen; in ein, zwei Stunden zwischen Friseurbesuch, Stadtbummel und Mittagessen kochen. Das ist das Gleiche, wenn jemand pauschal sagt: „Naja, diese Manager, die haben doch ’nen tollen Job, die führen tagsüber drei, vier Telefonate, schütten sich in Meetings drei Liter Kaffee in die Kehle, futtern leckere Kekse, reisen um die Welt und kassieren dafür ein irres Geld. Das möchte ich auch machen!”

Und da gibt es Leute, die meinen, sich mit der Thematik des Webdesigns auszukennen, weil sie schließlich auch am Computer arbeiten, schon mal ein Bildbearbeitungsprogramm benutzt haben und ab und zu ins Internet gehen. Wo wir bei einem grundsätzlichen Verständnisproblem wären. Denn, ich mache kein Webdesign, sondern beschäftige mich mit WEBCONTENTMANAGEMENT! Wer wissen möchte, was ich darunter verstehe, kann das hier nachlesen.

Zu den Personen gehören auch solche, die gerne wie ich von zu Hause aus arbeiten würden, weil man da ohne wirklich viel zu arbeiten, trotzdem Geld verdienen kann. Überhaupt ist das ein herrliches Leben, dauernd im Homeoffice, keine lästige Pendelei, umschwärmt vom ländlichen Vogelgezwitscher, so gut wie keine Arbeit. Also echt, so ein bisschen Webcontentmanagement ist doch schnell erledigt, die Arbeit macht immer Spaß und auch nicht wirklich Mühe, oder?
Befremdlich finde ich, dass die Arbeit eines anderen Menschen scheinbar anerkannter ist, wenn dieser, um seinen Job zu machen, das Haus verlassen, sich ins Auto, in den Zug oder auf’s Fahrrad schwingen muss.

Wiederholt werde ich damit konfrontiert, dass einige Leute nach wie vor kein Verständnis dafür haben, dass auch meine Zeit begrenzt ist. Dabei muss ich gerade im Homeoffice meine Zeit gut einteilen, strukturiert und organisiert durch den Tag gehen.
„Aber, du kannst das schöne Wetter viel besser nutzen als ich im Büro.“ „Aber, du kannst dir die Arbeit doch einteilen, oder?“
Womit sie – das unterstelle ich jetzt mal biestig – eigentlich meinen: Du brauchst doch nur zu arbeiten, wenn du wirklich Lust dazu hast.

Sie schauen mich verständnislos an, wenn ich ihnen von Fertigstellungsterminen erzähle, von Verträgen, von Serverabstürzen, von durch Fehlprogrammierung anderer verloren gegangener Arbeitszeit, von dem Erfordernis auch mal mein eigener Technikverantwortlicher zu sein, weil ich nicht mal eben den IT-Verantwortlichen um Rat fragen kann und ganz allgemein von der Notwendigkeit, an der Arbeit dranzubleiben, wenn daraus etwas Gutes werden soll, wenn ich meine Arbeit ernst nehmen.

Nein, während meiner Arbeitszeit gehe ich nicht mal eben in den Garten und trinke meinen Kaffee genußvoll in der Sonne. Wenn ich mir – und das ist tatsächlich ein Luxus – einen privaten Termin ausnahmsweise auf den Vormittag lege, muss ich schauen, wie und wann ich die Arbeit dennoch erledigt bekomme. Dass ich mich spätestens ab dem frühen Nachmittag um meine Kinder kümmere, macht das Ganze ebenso nicht einfacher.

Würde ich nur arbeiten, wenn es draußen Katzen und Hunde regnet, ich ohnehin gerade Bock auf’s Surfen im Internet habe oder mich beim Texten irgendeine geistreiche Muse küsste – ja, dann könnte ich verstehen, wenn einige Andere einen Homeoffice-Job nur milde belächeln. Aber so?!
Eine Gehaltserhöung bekomme ich nicht automatisch, weil ich schon so und so lange dabei bin. Meine Arbeit liegt nicht immer unaufgefordert im Posteingangskorb. Wenn ich mich nicht selbst darum kümmere, dass etwas rein kommt, landet auch kein Geld auf meinem Konto. Auch ich muss Krankenversicherung, Umsatzsteuer, Telefonrechnungen, Büromaterial usw. bezahlen. Wenn mich dafür nur einmal im Monat die Inspiration zum Rumdaddeln im Internet überkommen müsste, wäre das wirklich super.

Webcontentmanagement ist Arbeit, meine Arbeit.
Berufsmäßiges Webcontentmanagement kann anstrengend sein und glücklicherweise auch Spaß machen. Wie viele andere Jobs auch.

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2 Responses to Mein Job – Homeoffice und andere Widrigkeiten

  1. Jenny sagt:

    Wie wahr! Ich verstehe dich voll und ganz. „Du bist Lektorin? Toll. Auf dem Balkon sitzen und Bücher lesen, das möchte ich auch…“ Haha.
    Aber allein wegen der neidischen Blicke, wenn wir eben mal acht statt zwei Wochen um die Welt fahren, ist es mir das wert ;-)

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