Dieses Gedicht geht gerade viral – leider häufig, ohne dabei den Verfasser und Sprecher beim Namen zu nennen.

Thorsten Stelzner – Braunschweiger des Jahres, er belegte den 3. Platz im Jahr 2018. Lyriker, Satiriker, Kolumnist, Verleger, Galerist, Produzent – umtriebiger Kulturschaffender.

Hörenswert!

 

»Gute Nacht, Deutschland

Um Mitternacht – ich liege wach
und denke über vieles nach.
Zuerst kommt mir direkt in den Sinn,
dass ich extrem geborgen und ziemlich frei von Sorgen bin.
Obwohl längst Nacht und wirklich spät,
das Licht, es brennt die Heizung geht,
das Wasser läuft, mein Dach ist dicht,
der Regen draußen stört mich nicht.
Das Haus ist ruhig, die Kinder auch
nicht eines krank, kein Hunger im Bauch.
Sind alle fit, satt und gesund,
sie schlafen tief, für Angst kein Grund.
Das ist ein Glück – das größte schier,
wir leben jetzt, wir leben hier.
Nur 100 Jahre früher, eventuell auch später,
was taten – täten – Mütter, Väter,
um sich ganz so bewusst zu sein,
es geht uns gut wir hatten Schwein.
Nur 1000 Kilometer, die Richtung fast egal,
da leiden Menschen größte Qual,
da herrscht Verzweiflung, Angst und Not,
da stirbt die Hoffnung, siegt der Tod.
Da fragt sich Mensch: warum, warum nur wir?
Warum herrscht Krieg und Seuche hier?
Warum ist Leben hier so schwer?
Es geht mir schlecht – ich kann nicht mehr!
Um Mitternacht – ich liege wach
und denke über vieles nach.
Als zweites kommt mir in den Sinn,
dass ich ziemlich sicher und auch dankbar bin,
all denen die auch nachts noch tun
was nötig ist – sie tun es nun.
Ich liege hier und schreibe bloß
dieses Gedicht – wie ahnungslos.
Ich weiß genau – ich weiß es nicht,
wie es ist, wenn man zusammenbricht
unter der Last, dem Druck, dem Stress,
der einen nicht mehr ruhen lässt.
Was für ein Glück, das größte hier,
die Menschen, die stets dir und mir
zur Seite stehen und dafür sorgen,
das Licht, es brennt auch noch am Morgen,
das Wasser läuft, die Heizung geht,
egal wie kalt, egal wie spät.
Wir sind versorgt, wir werden satt
und wenn es jemand nötig hat,
dann sind sie da – ob Tag, ob Nacht,
verarzten uns und halten Wacht.
Sie hegen, pflegen und versorgen
und bleiben meist dabei verborgen.
Sie schützen uns zu jeder Zeit,
tun ihren Dienst, sie sind bereit.
Ob es hier raucht, knallt oder brennt,
wenn man am liebsten nur wegrennt,
dann tun sie nicht nur ihre Pflicht,
nein das ist mehr – das trifft es nicht.
Um Mitternacht, da lag wach
und dachte kurz darüber nach,
lasst uns demütig und dankbar sein,
im besten Sinne menschlich sein.
Mehr fällt mir dazu jetzt nicht ein,
außer doch das eine noch:
es gibt tatsächlich Menschen hier,
die kloppen sich um Klopapier!
Gute Nacht Deutschland –
schlaf gut, die Welt schaut zu!«

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6 Responses to Mitternacht, ich liege wach!

  1. Heike sagt:

    Das geht unter die Haut!
    Ein Denker und Wortkünstler,
    der es auf den Punkt bringt!
    Passt gut auf euch auf und bleibt gesund!
    Heike

  2. F.R. aus HH sagt:

    „Gute Nacht, Deutschland“, so hab ich den Titel verstanden. Egal – der Text hilft hoffentlich vielen Menschen in dieser Zeit!

  3. Birgit sagt:

    Mir gefiel es gut

    Danke

    Mal was anderes als corana witze im whatsapp postfach

    Bei mir leider auch ohne namesnennung gelandet

    Aber gott bzw google sei dank, landete ich auf ihrer seite

  4. Petra Leitl sagt:

    Welch‘ ein Umgang mit Worten !!!

  5. Dank whatsapp ist das Gedicht bei uns Deutschen in den USA gelandet. Hervorragend! Ich lese es immer wieder mal oder hoere es vorgelesen auf youtube.
    Gerade jetzt tut es gut sich mit den gewaehlten Worten im Gedicht zu befassen, denn ich liege wach, weil ich nicht weiss, ob ich meinen Beruf in absehbarer Zeit noch ausueben kann.

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