»Großmut

An jenem Tag, an dem ich beschließe, großmütig zu sein, lasse ich den Regen plätschern und dem Leben seinen Lauf. Ich verschenke ein Buch, kaufe eine krumme Gruke, lasse eine Meinung gelten und schicke eine Beschwerde ins Leere. Der Welt traue ich etwas zu. Ich lobe jemanden über den grünen Klee und verteile zweite Chancen, ohne mich um das Ergebnis zu sorgen. Die Kollegin lasse ich schmatzen und das Internet trödeln. Ich nehme nichts persönlich. Ich verzichte auf mein Recht und überlasse den Schnecken ein paar rote Erdbeeren. Meine Erwartungen streue ich in den Wind. Den Kleinkrämern schenke ich einen Cent. Ich runde auf, liebe ohne Vorschuss und füttere die Großmäuler mit Marshmallows. Gott eifere ich nach, ohne besser sein zu wollen. Ich unterstelle ein paar gute Absichten, lasse jemandem die Vorfahrt und sehe über eine Verspätung hinweg. Das Glas betrachte ich als halbvoll und meine Figur als bestmöglich. Dass morgen auch noch ein Tag ist, begrüße ich. Ich verschwende mich. Ich werfe den Müll weg, den ich nicht verursacht habe und helfe, ohne Dank zu erwarten. Dem Ehrgeiz gebe ich frei. Ich fasse mir ein Herz und nehme den Himmel auch in Mittelblau.«

~ Susanne Niemeyer

[Fundort: eMail von meiner Freundin J.]

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