Ganz normal_fundwerke_102015Angesichts der ein oder anderen Diskussion in den letzten Tagen muss ich hier jetzt mal ganz allgemein ‚was loswerden:

Als ich heute morgen aufgestanden bin, habe ich erstmal in der Küche Licht angemacht und uns dann Tee und Kaffee gekocht. Ganz normal. Wie jeden Morgen unter der Woche.

Am Samstag holt mein Mann für uns meistens Brötchen im Nachbarort, für die Kids manchmal auch zusätzlich noch Schokohörnchen. Während er das tut, muss ich nicht fürchten, dass er auf dem Weg zum und vom Bäcker vielleicht aus Versehen von einem Scharfschützen erschossen wird. Und neben uns wird in der Zwischenzeit auch kein Haus bombadiert.

Wenn ich mit meinen Freundinnen morgens durch’s Tal jogge, dann laufen wir, wohin wir wollen; niemand droht uns, uns und unseren Familien Leid anzutun, nur weil wir als Frauen Sport machen.

Ich sitze am Schreibtisch in einem Haus, das jetzt, gerade wo es regnet, trotzdem trocken und warm bleibt. Ich arbeite an meinem Computer, habe Internetzugang, kann telefonieren und mir soviel Wissen wie ich möchte über alle möglichen Medien aneignen, während ich meinen Kaffee trinke.
Und wenn der Kaffe bei all der Recherche und dem Arbeiten mal kalt geworden ist, dann mache ich mehr eben einen Neuen – wer trinkt schon gerne mehrere Stunden kalt gewordenen Kaffee; selbst wenn der schön machen soll.

Damit ich das alles so machen kann, musste ich nirgendwo meine Familie zurücklassen oder sogar das Leben meiner Kinder auf’s Spiel setzen, weil ich meine Tochter nicht der Gefahr aussetzen möchte, von Boko Haram Kämpfern verschleppt zu werden oder ich nicht meinen von radikalen Milizen getöteten Sohn beweinen will. Nein, das hier ist für mich ganz normal.

Ich hatte noch nie so große Angst, dass ich meinen Tod als Konsequenz in Kauf nahm, um mich an einen Ort zu retten, an dem niemand meine Sprache spricht oder auf mich wartet.

Ich habe einfach das Glück, hier geboren und in Deutschland groß geworden zu sein, im Frieden meine Kinder aufwachsen zu sehen, noch nie hautnah einen Krieg erlebt haben zu müssen. Das ist für mich ganz normal.

Für mich ist es unvorstellbar im Bombenhagel zwischen zerfetzten Menschen durch die Straßen zu irren, meine Kinder anzutreiben, um unser Leben zu rennen, um dann wieder vor Flammen Angst haben zu müssen, an einem Ort, an dem wir eigentlich sicher sein sollten. Ich musste noch nie alles zurücklassen. Ich habe noch nie alles verloren.

Es tut gut, sich dieses ganz normale Glück hin und wieder vor Augen zu führen.

Ich wünsche euch allen einen schönen, friedlichen Tag!

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One Response to Ganz normal

  1. Heidi sagt:

    Danke dir!!!! Mit diesem Beitrag hast du uns an unser großes Geschenk, nämlich „normal“ leben zu dürfen erinnert. Ich wünsche mir, dass uns diese Sicht mehr Mitgefühl, Achtung und Toleranz für die Menschen beschert, die dieses Glück verloren haben und nicht wissen, ob sie jemals wieder einen kleinen Teil Normalität in ihrem Alltag leben dürfen.

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