Wie schön es ist, einen eigenen Blog zu haben.

Ja, ich weiß – das, was ich hier mache, können einige Leute so überhaupt nicht nachvollziehen. Für soetwas sei ihnen ihre Zeit zu schade, sagen sie.

Aber mir macht es Spaß. Und das seit April diesen Jahres. Zum Beispiel poste ich Dinge, die ich irgendwo in den Tiefen des Internet gelesen habe. In diesen Tiefen zu lesen und auch das öffentliche Schreiben halten manche Menschen aber für reine Zeitverschwendung. Darum wurde ich schon oft mit der Äußerung „Hast wohl zuviel Zeit“ konfrontiert.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht genau, was ich von dieser Feststellung halten soll. Mal davon abgesehen, dass es für einige grundsätzlich einfach nicht ihr Ding wäre, einen Blog zu füllen.
Handelt es sich um Kritik, Neid oder Selbstmitleid? Ist es etwa so, dass, egal, was mein Gegenüber in der konkreten Situation gerade damit sagen will, diese Feststellung, das Jammern über Zeitmangel der Beweis dafür sind, dass keine Zeit haben recht ziemlich hip zu sein scheint? Nicht, dass ich nicht selbst mal gerne darüber jammere…

„Ja, stimmt genau“, würde doch kaum jemand entgegnen, dem man vorwirft, zuviel Zeit zu haben. Schnell ist man in der Rechtfertigungs- und Erklärungsfalle.

Ich stehe dazu, meine Zeit zum Teil mit Sachen zu ‚verbraten‘, die mir wichtiger sind, als dass, was manch anderen Menschen vielleicht als wichtig erachten. Meinetwegen können sie doch auch dreimal die Woche zum Sport gehen, wöchentlich mindestens ein Buch mit tausend Seiten verschlingen, 20 Paar Socken stricken, dreieinhalb Stunden durch die Stadt laufen, bis sie sich zum Kauf eines Pullis entschieden haben, stundenlang am Telefon hängen oder mindestens einmal pro Woche ins Kino gehen, ohne von mir zu hören, dass sei jetzt aber verschwendete Zeit. Naja, zumindest meistens…

Also habe ich mal grundsätzlich darüber nachgedacht, warum das „keine Zeit haben“ scheinbar so in Mode ist.
Um nicht gleich als phlegmatisch und träge zu gelten, traut man sich ja kaum mehr zu sagen, wenn man mal ausreichend davon hat, von der Zeit.

Jetzt mal unabhängig davon, dass es Lebensphasen gibt, in denen der Einzelne wirklich zu wenig Zeit für etwas hat. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Geht mir ja auch so!
Dabei sind „viel zu tun haben“ und „keine Zeit haben“ aber nicht dasselbe.

Die Frage, die ich mir also gestellt habe ist: Was wollen Menschen eigentlich erreichen, wenn sie aller Welt sagen, dass ich keine Zeit haben?

Warum gibt es Leute, die, egal wann man mit ihnen redet, grundsätzlich erstmal sagen, dass es gerade jetzt alles ziemlich viel sei, man keine Zeit finde, keine Zeit für gar nichts hätte … das „gerade jetzt“ scheint allerdings der Dauerzustand zu sein?

Ist es nicht häufig so – Wer sagt, er habe keine Zeit, der wirkt geschäftigt, engagiert, erfüllt, aufgeschlossen und vor allem nutzt er die Zeit (die er eigentlich nicht hat) wahnsinnig sinnvoll. Ja, er wird von manchen Mitmenschen dafür sogar hoch geschätzt. Ist es nicht so, dass Wertschätzung und Beachtung für jeden Einzelnen von uns lebenswichtig sind. Fast schon wie eine Art Droge, weil es so einfach scheint, Wertschätzung und Beachtung mit der Verkündung, man habe einfach überhaupt keine Zeit, zu bekommen. Daher ist diese Verkündung vielleicht so beliebt?!?

Stecken dahinter vielleicht auch unbewußt Gedankenkonstrukte wie:
‚Alle können sehen, wie super ich bin > keine Zeit haben = viel Arbeit = super.‘
oder
‚Ich brauche Zuneigung und Aufmerksamkeit > keine Zeit haben = keine Zeit für mich haben = ich bekomme Mitleid, weil ich so geplagt bin.‘

Ich möchte versuchen dazu zu stehen, dass „viel zu tun haben“ nicht zwingend „keine Zeit zu haben“ bedeutet. Wenigstens nicht, solange ich das, was ich tue, auch gerne mache.
Ich habe mir also vorgenommen, den Trend nicht mehr einfach so mitzutragen. Nicht immer automatisch zu sagen „Ich habe auch keine Zeit!“.
Besser, ich sage „Tut mir leid, ich kann dir von meiner Zeit leider nichts abgeben.“ oder „Manche Sachen sind mir wichtiger als andere. Darum nehme ich mir für die einen mehr Zeit und für die anderen auch mal gar keine.“
Das fühlt sich irgendwie besser an. Dann habe ich tatsächlich auf einmal mehr Zeit. Wie zum Beispiel gerade jetzt, um diesen Post zu schreiben.

Und wenn mir das nächste Mal jemand erzählt, er würde alle Bücher, auch wenn sie ihn langweilten oder ihm nicht gefielen, grundsätzlich bis zum Ende lesen, dann hoffe ich, mich daran zu erinnern, ihm nicht spontan zu sagen, dass ich für sowas keine Zeit hätte, sondern ihm zu entgegen, dass das für ihn wohl o.k. sei, ich meine Zeit dafür aber nicht nutzen wollte.

Vielleicht nimmt sich jetzt jemand die Zeit, wo er schon den Text gelesen hat – selbst wenn er viel zu tun hat – hierzu auch noch seinen Kommentar abzugeben? Würde mich freuen!

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7 Responses to T’schuldigung, ich nehme mir die Zeit

  1. Steffi Meding sagt:

    Sehr gelacht Silke,
    du hast völlig Recht. Heute will jeder einen unfassbar geschäftigen Eindruck machen, damit keiner denkt, dass du den lieben langen Tag fettbräsig auf dem Sofa liegst, Pralinen ißt und Liebeshefte liest oder GZSZ schaust. Hast du wenig Zeit, bist du in und hast das Mitleid auf deiner Seite!
    Mach ich auch nich mit. Mit einem 4 Jährigen Zuhause, habe ich meistens Zeit bei gutem wetter den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz zu verbratn. Und weisst du was, ich geniesse es total.
    Liebe Grüße aus Ratingen
    Steffi

  2. Margot sagt:

    Guten Morgen,
    die Zeit nehm ich mir jetzt!
    Mir gehts ähnlich. Viele fragen mich, wie ich neben all dem Haushalt, Kinder, Job noch Zeit für Holunderblütensirup, Erdbeermarmelade, Filzen… habe. Ganz einfach: ich setze Prioritäten. Nur das Nötigste da, wo es keinen Spaß macht. Ich bügel z.B. keine T-Shirts. Die werden glatt gelegt direkt nach dem Trocknen. Ja, und beim Erdbeermarmeladeeinkochen habe ich dann bestimmt viel Zeit, mit dir ausreichend zu quatschen;-)

  3. Katja sagt:

    Wie heißt es doch so schön: Zeit hat, wer sich Zeit nimmt.
    Ein Kompliment an diesen wirklich sehr schönen, nachdenkenswerten und lesenswerten Artikel.
    Denn was wichtig ist, sollte jeder für sich definieren.
    Ich für mich, finde es wichtig, ich selbst zu sein und mir gut und Gutes zu tun.
    Mit Jammern und Mitleid erziele ich das bestimmt nicht, dafür ist mir mein Leben und meine Zeit auch zu schade :-)

  4. Heidi sagt:

    Jeder Mensch hat Zeit, auch wenn wir es noch so oft sagen, dass wir keine haben. Es kommt doch darauf an, wofür wir sie verwenden, um das, was uns wirklich am Herzen liegt, zu tun. Auch Beziehungen, egal welcher Art, haben viel mit Zeitgeschenken zu tun, und sie beschenken nicht nur den Anderen. Also, lassen wir uns doch jeden Tag beschenken!!!
    Zeit ist Leben, einmalig ist jeder Moment und jeder Tag mit all seinen Chancen.

  5. Üli sagt:

    Vielen Dank für den schönen Denkanstoss am Morgen.

  6. Die meisten Menschen nehmen sich einfach nicht die Zeit. Eine gesunde Work-Life-Balance ist immer wichtiger und für viele schon ein Luxus. Warum muss man immer mehr verdienen, immer mehr Geld haben? Mir reicht, was ich zum Leben brauche und habe sogar noch ein wenig mehr.

    Dafür kann ich mir Zeit für andere Sachen nehmen wie bloggen oder reisen. Wer das nicht tun (eigentlich nicht will), der tut mir Leid.

  7. Simona sagt:

    ich bin gerade über Miss Peppermint´s Blog in deinen gestolpert und habe mich festgelesen… so vergesse ich die Zeit :)
    Ich finde, Zeit habe ich jede Menge, nur wo ist die Zeit dann geblieben? Heute hast du noch ein kleines Baby auf dem Arm und morgen deinen Enkel. Zeit ist etwas wunderbares und als verschwendet würde ich keine Minute zählen.

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