Für’s Schweigen ist mir die Welt um uns herum zu vielschichtig. Ich spreche mit meinen Kindern, versuche, Einiges in Zusammenhänge zu bringen, auch für mich. Manche sagen, ich rede zu viel… Wenn man sich die Länge dieses Posts anschaut, dann haben sie mit Sicherheit Recht ;-)

Ich möchte, dass meine Kinder zu selbstbewußten, aber auch respektvollen und toleranten Erwachsenen heranwachsen. Ich wünsche mir, dass sie Menschen sind, die achtsam mit anderen Menschen umgehen. Und deshalb zwinge ich sie auch schon mal dazu, mir bei Dingen zuzuhören, die sie in dem Moment gerade absolut gar nicht hören wollen. Und das auch schon mal zwischen Tür und Angel. Zwischen Fußballtrainingsbeginn und  Abfragen der Lateinvokabeln, zwischen Spühlmaschine ausräumen und lieber mit den Freunden daddeln oder quatschen.

Weshalb?

Ich spreche mit meinen Kindern darüber, warum es Leute gibt, die in einem Haus wohnen und trotzdem nicht reich sind, warum die Eltern von Carlo einen Pool im Garten haben und wir nicht, obwohl unser Grundstück sogar größer ist. Ich erkläre, warum es kein Problem ist, bei Gewitter Auto zu fahren. Dass es aber sehr wohl ein Problem werden kann, bei Gewitter in einem See zu schwimmen. Ich rede mit Ihnen darüber, warum man, auch wenn man am Geldautomaten einfach so Geld ziehen kann, noch lange nicht immer flüssig ist. Warum Viren und Bakterien krank machen, Antibiotika aber, wenn überhaupt, nur bei Bakterienerkrankungen wieder bedingt gesund machen können. Warum es sehr viele Menschen auf der Welt gibt, die kein sauberes Trinkwasser haben. Wie es dazu kommen könnte, dass sich andere Eltern nicht um ihre Kinder kümmern. Warum Kinder erst ab einem bestimmten Alter die Erwachsenen-Nachrichten schauen sollten. Weshalb Leute über andere Leute tratschen. Dass es völlig in Ordnung ist, wenn Mädchen Fußballspielen und Jungen gerne zeichnen. Warum man sich nicht schämen muss, wenn man mal in der Öffentlichkeit weint…

Darum!

Naja, denn es gibt da noch Themen, die die Kinder nicht unbedingt von sich aus ansprechen, die ich ihnen aber dennoch erklären will: Warum es absolut inakzeptabel ist, ein dummes Verhalten als „behindert“ zu bezeichnen. Dass einige Freunde und Bekannte von uns schwul sind, das das aber nichts Schlimmes ist. Weshalb es nicht o.k. ist, sich im Kollektiv über einen Einzelnen lustig zu machen oder einfach schweigend dabei zu stehen, wenn jemand gehänselt wird. Wieso es keine Petzerei ist, wenn man Hilfe holt, weil man eine Situation alleine nicht mehr in den Griff bekommt. Warum es bewundernswert ist, wenn Menschen mit starkem Akzent Deutsch sprechen, auch wenn sich das Deutsch dabei holprig anhört.

Wie ich jetzt darauf komme? Ich frage mich gerade mal wieder, ob ich mit meinen Kindern Filme anschauen soll, die ich selbst als Kind geliebt habe.

Um nur mal ein Bespiel zu nennen: Mir bekannte Eltern sind ganz schön ins Schwitzen gekommen, als sie sich gemeinsam mit Ihren Kindern einen nostalgischen Serien-Sonntag-Nachmittag mit „Daktari“ machen wollten. Während des Films waren sie dann nur noch damit beschäftigt, den Kids zu erklären, warum es keine hellhäutigen Bediensteten gäbe und die farbigen Angestellten auch noch weiße Handschuhe zu tragen hätten. Die eigentlichen Hauptdarsteller der Serie – Clarence der schielende Löwe und die Schimpansin Judy – waren total nebensächlich.

So ist das. Gerade ältere Verfilmungen von Kinderbüchern enthalten und transportieren leider nicht selten auch strittige Botschaften. Wie auch bei  „Pippi Langstrumpf in Taka Tuka Land“, deren raubeiniger, zwielichtiger Vater als toller Hecht dargestellt wird, weil er als dicker, weißer Nichtstuer das Sagen über ein Inselvolk in der Südsee hat.

Gewollt oder nicht gewollt – Kinder sind hierzulande einem viel größeren medialen und sozialen Einfluß ausgesetzt, als das in meiner Kindheit noch der Fall war. Um Fragen zu Intoleranz, Fremdenhass, Behinderung, Ungerechtigkeit etc. kommt man als Eltern so oder so nicht herum. Auf der anderen Seite ist die Zeit aber sehr begrenzt, in der man mit den Kindern über diese Themen sprechen kann.

Und da ist auch schon mein Dilemma. Ich frage mich, ob ich es mir antun soll, meine Kinder auch noch auf alte Filme aufmerksam zu machen, die Stereotype transportieren, nur weil ich mich gerade in einer verklärt, nostalgischen Wolke befinde, dann aber eventuell noch mehr als ohnehin erklären muss?

Schar-lih, shi shteke, shi ntaye

Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass es Filme gibt, die die Eltern besser gemeinsam mit den Kindern ansehen sollten – FSK hin oder her.
Das spricht dafür, auch ruhig zum Teil in die Kritik geratene Filme aus meiner Kindheit miteinander anzuschauen. Vorausgesetzt wir reden dann gemeinsam darüber, klären wenn notwendig auch den geschichtlichen Zusammenhang. Das bleibt schließlich bei modernen, politisch korrekten Filmen auch nicht aus.

Die Zeit muss man sich nehmen, das Ganze bis zu einem gewissen Grad vielleicht auch gelassener sehen. Zumal diese Filme neben manch fragwürdigen Inhalten für mich vor allem erstrebenswerte Haltungen transportieren: Sei wie du bist! Das ist gerade bei Astrid Lindgren-Filmen durchgehend der Fall.
Und wenn man gerade keine Lust auf Erklärungen hat, dann bleibt die Kiste eben aus.

Mitunter haben Kinder ohnehin ein besseres Bauchgefühl dafür, ob Dinge o.k. sind oder gar nicht gehen. Es sind doch eher die Erwachsenen, die weniger frei und kategorisiert denken. Kinder sind auch für diskriminierungsfreies Denken offener, wenn sie von Erwachsenen nicht schon zu sehr versaut wurden.

Vielleicht mach‘ ich mir da auch mal wieder viel zu sehr ’nen Kopf…

Was kann daran verkehrt sein, wenn Winnetou in „Winnetou III“ bei einem Wiedersehen mit Old Shatterhand diesem entgegenruft:
«Schar-lih, shi shteke, shi ntaye – Charlie, mein Freund, mein Bruder!»
?

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