Leute, die mich persönlich kennen, haben über die Jahre mitbekommen, dass ich immer versuche, mit meinen Kindern im Gespräch zu bleiben.

„Im Gespräche bleiben“ – das liest sich jetzt wie einer der gut gemeinten Ratschläge in Büchern über die Pupertät. Ist allerding nicht immer ganz so einfach.

Mit Kleinkindern Themen zu finden, ist erstmal nicht so schwer: Sie sind neugierig und wissbegierig. Sie können eine Unmengen von Fragen stellen. Das Wort „Warum?“ steht dabei ganz hoch im Kurs und kann einen Erwachsenen schon mal an den Rand seiner Geduld bringen. Die Herausforderung an Gespächen mit meinen Kindern war für mich eher, ein Gespräch wieder beenden zu können. Die endlose Kette von Fragen zu durchbrechen, ohne damit die für einen Erwachsenen auch unbequeme Aufrichtigkeit des Kindes oder seinen Wissensdrang zu untergraben.

Wenn ich es dann abends geschafft hatte und beide spätestens um 20 Uhr im Bett lagen – schließlich wollte ich wenigstens mal die Tagesschau in Ruhe schauen – dann stellte sich bei mir häufig das Gefühl ein, überhaupt nichts mehr hören zu können oder zu wollen. Telefonieren mit Freundinnen war nicht mehr möglich – wer möchte schon jeden Abend seinen blutverschmierten Telefonhörer putzen?

Ich glaube, es war so um den Dreh herum, als mein Sohn drei Jahre alt war – Sein Opa, den ich eher zu den schweigsameren Vertretern seiner Art zähle, machte mir gegenüber folgende Feststellung: „Ich habe heute in der Zeitung gelesen, dass Kleinkinder im Durchschnitt an einem Tag ca. 6000 Wörter sprechen – Dein Sohn ist damit spätestens schon um die Mittagszeit durch.“
Soviel zu „…und abends läuft mir dann Blut aus dem Ohr.“

Zuhören

In dieser Zeit ging es wohl auch darum, das Zuhören zu lernen. Nicht nur für die Kinder – auch für uns Eltern. Eine Schwierigkeit in dem Zusammenhang ist wohl, dass wir Erwachsene viele Fragen der Kinder als bedeutungslos, dumm, lächerlich oder eben  „kindisch“ abtun. Dabei haben einige Äußerungen meiner Kinder nicht nur ihnen selbst den Zugang zum Weltverständnis eröffnet und verschiedene Perspektiven aufgezeigt. Sie haben und bringen mich nach wie vor oft mit ihren Fragen an die Grenzen des eigenen Wissens oder führen zur Beschäftigung mit dem eigenen Leben: Warum habe ich Angst vorm Haareschneiden, obwohl es doch gar nicht weh tut? Warum überhaupt tut Haareschneiden eigentlich nicht weh? Warum gibt es nicht nichts? Was passiert mit einem, wenn man tot ist? Warum lassen sich Leute, wenn sie tot sind, in der Erde verbuddeln, da ist es doch dunkel und eng?

Die eigenen Kinder kennen zu lernen und zu verstehen ist gar nicht so einfach. Zuhören kann da ein guter Anfang sein. Ohne das bedingungslose Zuhören gibt es keinen echten Dialog. Zuhören drückt Anerkennung aus. Auch wir Erwachsene fühlen uns mit unseren Gedanken und Ansichten ernst genommen, wenn uns jemand interessiert und aufmerksam zuhört. Das hat – zumindest bislang – meine Kinder auch immer wieder ermuntert, sich zu äußern, ihre Meinung zu sagen, Fragen zu stellen oder auf neue Ideen zu kommen.

Reden

Ich bin ja der Meinung – und ich hoffe, das gelingt mir auch weiterhin – dass man als Eltern immer versuchen sollte, mit den Kindern zu sprechen.
Ich selbst neige wohl manchmal dazu, zuviel zu sprechen, Dinge zu zerreden, in kritischen Situationen die Kinder auch schon mal zuzutexten. Trotzdem – vielleicht sind damit auch die ‚Umbauarbeiten‘ bis zum Erwachsenensein für beide Seiten leichter zu ertragen und gemeinsam zu meistern. Für mich ist es immer wieder schade, wenn ich mitbekommen, wie wenig sich in manch anderen Familien zu Hause über Befindlichkeiten und Erlebtes unterhalten wird. Klar, es gibt unterschiedliche Typen, aber trotzdem… Ich meine, wenn die Kinder mal im Teenie-Alter sind, braucht man nicht mehr anfangen, eine Gesprächsbasis zu finden. Bis dahin hat sich die Gefühlswelt der Kinder doch schon sehr verändert. Dass man es dann z. T. nicht mehr schafft, die Jugendlichen zu erreichen, ist nicht so verwunderlich.

„Die hat leicht reden“, werden sich jetzt ein paar Leser denken. „Lass mal deine Kinder in das Alter kommen, dann sieht die Sache ganz anders aus.“ – Kann schon sein. Stand heute weiß ich es nicht. Vielleicht kommt mir in meinem Optimismus auch der Umstand zu Gute, dass in meinem Elternhaus immer viel miteinander geredet wurde. Ich das Vertrauen hatte, im Zweifelsfall immer ein sicheres Netz unter mir zu spüren.

Im Gespräch bleiben

Ich weiß nicht, ob es mit unseren Kindern auf  Dauer mit dem Reden klappen wird. In weniger als einem halben Jahr ist unser Sohn ein „Teenie“. Mit einem fast Dreizehnjährigen im Gespräch zu bleiben, dem an manchen Tagen die iPod-Kopfhörer im Ohr festgewachsen zu sein scheinen und der auf die Frage, ob es in der Schule etwas Besonderes gab, umfassend mit einem klaren, aber knappen „nein“ antwortet ist nicht ganz einfach.

Das Reden allein macht es wahrscheinlich nicht aus. Ich muss auch ehrlich meine Unzulänglichkeiten zeigen und z. B. zugeben, dass sich mir, weil ich selbst nie Latein hatte, beim nervigen Abfragen der Vokalbeln erst jetzt so manches Fremdwort wirklich erschließt. Und dass ich, obwohl ich grundsätzlich keine schlechte Schülerin war, in der ersten Englischschulaufgabe, in der alle anderen nur ‚Einser‘ und ‚Zweier‘ geschrieben haben, zu den wenigen gehörte, die mit einer ‚gerade noch Vier‘ nach Hause kamen. Ich probiere, wenn ich schon an der ein oder anderen Stelle – egal ob Schule oder Freizeit –  nicht helfen kann, wenigstens beizustehen.

Ich muss mich auch für Computerspiele wie „Fifa“ oder „Siedler“ interessieren, mich bei den unterschiedlichen Modellen von Nerf Guns auskennen oder mir zum hundertsten Mal den momentanen Lieblingssong auf YouTube vorspielen lassen. Das sind nicht immer die Themen, mit denen ich mich gerade gerne beschäftigen möchte, aber wenigstens weiß ich so, womit mein Sohn u. a. seine Zeit verbringt. Ich merke, wenn er Interesse spürt, dann kann er seine zart besaitete jugendliche Seele auch mal öfters baumeln lassen. Ich will eine Ahnung davon haben, was ihn beschäftigt. Dann gelingt es uns als Eltern vielleicht, für unseren Sohn unauffällig ein Netz zu spannen, in das er sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Schwächen

Sicher, es gibt Situationen, in denen könnte ich ausflippen. Da hoffe ich, dass alle Fenster geschlossen sind, damit niemand, der gerade zufällig an unserem Haus vorbeikommt oder die Nachbarin, die in Ruhe ihren Kaffee im Garten trinkt, mein verzweifeltes, hysterischen Brüllen und Keifen hören. Kein vorbildhaftes Auseinandersetzen mit dem Kind auf Augenhöhe, kein ruhig geführter Dialog, keine Diskussion mit einem fairen Austausch von Argumenten. Dass ich in vielen Dingen mit über 40 immer noch unvollkommen bin, gehört damit genauso zum „im Gespräch bleiben“. Das musste ich auch erst lernen, seit ich selbst Kinder habe.

Hoffnung

Als Eltern müssen wir unsere Chancen nutzen. Momente zum Reden erkennen und wahrnehmen. Auch wenn es gerade nicht so reinpasst, beim Tischdecken oder kurz vor dem Einschlafen, wenn man sich gerade eigentlich schon selbst auf einen enspannten Abend vor dem Fernseher eingestellt hat.
Ich hoffe, es gelingt uns dann, in diesen Momenten, ohne großes Getue und große Abwägung immer wieder zeigen zu können, wie wichtig wir uns sind.

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2 Responses to Und abends läuft mir Blut aus dem Ohr

  1. Alex sagt:

    Da kamen mir doch beim Lesen gleich mal die Tränen. Zum Einen, da Du sehr schön geschrieben hast aber zum Anderen, weil Du einen Punkt angesprochen hast, der mich selbst schon lange immer wieder beschäftigt. Den Kindern zuhören und sich dafür auch in vermeintlich unpassenden Momenten Zeit nehmen. Ich schaffe es oft nicht, da ich mich selbst dann gerade gestresst oder unter Zeitdruck fühle. Aber alles Quatsch. Was gibt es Wichtigeres als den Kindern in solchen Momenten zuzuhören? Ich will nicht erst aufwachen, wenn sie mir nichts mehr erzählen. Ab sofort versuche ich, mir dafür noch mehr Zeit zu nehmen.

    • fundwerke sagt:

      …ja, lieber den Kids zuhören, solange sie noch Dinge erzählen wollen, die offenen Momente einfangen. Besser, als sich von so manch einem Erwachsenen mit Müll volltexten lassen. Dem ist im Zweifelsfall sogar egal, wie man diesen Müll dann wieder entsorgt bekommt.

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