In letzter Zeit gab es bei uns in der Familie so einige emotionale Momente. Bewegende Wiedersehen und Willkommen, schmerzhafte Abschiede in dem festen Glauben, dass man sich natürlich wieder sehen wird. Allerdings auch wissend, das man sich nie so wiedersehen wird, wie man sich verabschiedet hat.

Aber so ist das, wenn die Kinder größer werden, man sie über den Tellerrand hinausschauen lassen möchte, sie selbst hinausgehen wollen und man sie dann auch ziehen lässt.

Wenn Kinder groß werden, entwachsen sie uns. Brauchen uns weniger, als wir sie vielleicht manchmal noch bräuchten. Rufen uns nicht ständig an, erzählen uns nicht mehr alles. Da müssen wir durch, so schwer es uns als Eltern fällt.

Wie war es also, einen Jungen großzuziehen?

Jeden Tag gibt es Nachrichten, YouTube-Videos, Facebook-Post, die meiner Seele weh tun.
Es gibt so viel „Gift“ da draußen. Die Welt, in der man sich, mein Sohn sich, zurechtfinden muss, kann hart sein, besonders wenn man jung ist und immer noch lernt, wie man gewisse Zeichen liest, lesen kann, um seinen eigenen Weg zu finden.

Demnächst feiert mein Sohn seinen 20. Geburtstag.
Ich weiß noch, als er 13 Jahre alt wurde. Ich war begeistert, dass er jetzt „endlich“ ein Teenager war. Tatsache ist aber auch, dass ich im Stillen ein wenig bedauerte, dass ich ein Alter erreicht hatte, in dem er eben kein Kind mehr, sondern ein Teenager war. Ich hoffte, dass aus ihm ein guter Teenager und ein guter Mann werden würde.

Wenn ich also ein paar Zauberkerzen hätte kaufen können (nicht solche, die man auf den Kuchen tut, und die beim Auspusten immer wieder angehen; ich meine ECHTE Zauberkerzen!), um sie von ihm auf seinem Geburtstagskuchen ausblasen zu lassen, hätte ich schon so ein paar Wünsche gehabt …

Ich hoffte, dass nie etwas mit ihm geschieht, ohne seine Zustimmung. Ich wünschte mir für ihn auch, dass er, würde er mal eine Beziehung haben, immer nach Übereinstimmung streben würde.  Er sollte erkennen, dass er niemals dazu berechtigt ist, mit einer anderen Person ohne deren Erlaubnis zu tun, was er will. Seine Bedürfnisse sind niemals wichtiger als ihre. Und ihre sind niemals wichtiger als seine.

Und ich wünschte mir, dass er respektvoll ist. Ich hoffte, dass er nicht lacht, wenn andere Jungen frauenfeindliche, rassistische oder erniedrigende Witze erzählten. Und ich hoffte, er erzählt seinen Freunden nie diese Art von Witzen, bloß um cool zu sein. Und ich hoffte, dass er fühlt, was gerecht und ungerecht ist, empathisch ist, sich für andere einsetzt.

Ich wünschte mir, dass er sich selbst liebt, weil er großartig ist und es verdient. Und weil er wissen muss, wie man sich selbst mag und wertschätzt, um andere Menschen lieben zu können. Ich wünschte mir, dass er nie Angst davor hat, sanft zu sein. Und ich hoffte, dass er zu einem liebevollen Mann heranwächst, der freundlich zu anderen ist und nicht bei diesem Blödsinn mitmacht, sich als harter Kerl auszugeben zu müssen, aber manchmal trotzdem ein harter Kerl sein kann.

Ich hoffte, dass es ihm nichts ausmacht, manchmal zu weinen. Ich hoffte, dass die Menschen, mit denen er sich umgibt, in diesen Tränen ein Zeichen der Stärke erkennen könnten, auch wenn ich diese Tränen als Mutter nur noch selten sah.

Ich hoffte, dass er ein liebevoller Vater werden wird, wenn er erwachsen ist, und Vater werden möchte (er kann sehr gut mit Kindern). Aber ich hoffe ebenso, dass er sich nicht unter Druck gesetzt fühlt, Kinder zu haben, wenn er keine haben möchte. Falls er eines Tage aber Kinder haben sollte, dann hoffe ich, dass er der beste Vater sein wird, der er sein kann, dass er Interesse an dem hat, was seine Kinder tun, dass er versucht, nie das Gespräch mit ihnen abbrechen zu lassen.

Allerdings – es reichte mir nicht, zu versuchen, diese Wünsche durch hoffen und träumen zu verwirklichen.
Ich glaube nicht, dass eine Mutter jemals ihren kleinen Sohn angesehen und gedacht hat, dass er eines Tages unaussprechlichen Schaden anrichten würde. Deshalb können wir uns als Mütter nicht einfach nur wünschen, dass unsere Kinder charakterfeste, angeneheme Personen sein sollen.
Wir müssen ihnen dabei helfen, zu guten Menschen heranzuwachsen. Und das müssen wir täglich tun. Das war/ist schwer, vor allem, wenn wir nach einem anstrengenden Tag müde und schlecht gelaunt sind und einfach gedanklich nur noch abschalten möchten oder selbst gerade Probleme haben.

Also wünschte ich mir noch etwas für meinem Sohn: Ich wünschte mir, die innere Stärke, die Weisheit und die Kraft, um diesen Marathon gemeinsam mit ihm zu laufen.
Ich wünschte mir, mich in dem Rennen gut zu schlagen und nicht aufzugeben, wenn es schwierig werden würde. Ich wünschte mir, für ihn zu beten, äußerst nervig sein zu können und ihn dazu zu bringen, seine Aufgaben zu erledigen und respektvoll zu sein. Außerdem wünschte ich mir auch, und das ist eine der Herausforderungen in der neuen Zeit, ihn dazu bringen zu können, nach Ablauf einer festgelegten Zeit, keine Computerspiele mehr zu spielen oder mit mir darüber zu sprechen, was er da spielte.

Mutter eines Teenagers zu sein bedeutete, sich an Veränderungen anzupassen. Auf einige dieser Veränderungen haben wir Einfluss, auf andere nicht. Und obwohl wir manchmal ein bisschen traurig über die Veränderungen sind, können wir uns immer die Freiheit nehmen, diese neuen Lebensumstände anzunehmen.
Dies sind die Jahre, in denen auch wir uns, als Mütter, als Eltern, weiterentwickeln können. Und je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr können manche auch gleich bleiben.

So habe ich, was meinen Sohn und mich betrifft, heute, wo er seit mehr als zwei Jahren im Ausland studiert, einen Wunsch: Ich hoffe, dass wir niemals aufhören werden, uns gegenseitig umarmen zu wollen, wenn wir uns sehen. Weil Umarmungen von meinen Kindern manchmal so wichtig wie Sauerstoff sind. Sie sind ein Lichtblick, Ermunterung, Trost, ein Geschenk – und egal wie alt wir werden, hoffe ich, niemals diese menschliche Wärme, diese Nähe, zu verlieren.

Wie heißt es noch mal in dem Lied von Sting: „If you love somebody set them free.“

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4 Responses to Einen Jungen großziehen

  1. Margot Steinbach sagt:

    das geht unter die Haut. Und …du kannst so stolz auf ihn sein, er war ein bezaubernder Teenager und ist ein toller junger Mann geworden.
    Alles Liebe M.

  2. Mein Großer ist gerade 15… aber ich kann diese Zeilen so gut nachempfinden. Dankeschön!

  3. Lutz Kohlbecher sagt:

    Deine Darstellung ist das, was man sich auch als Vater wünscht… obwohl wir z.T. ganz anders fühlen und den Antrieb mit Neugierde die Welt zu entdecken an unsere Kinder weitergeben, mit Optimismus und Liebe; Väter sind insbesondere für Jungs dafür verantwortlich, das an Werten vorzuleben, was Du beschreibst, Dir vielen Dank für die liebevolle Art Deine Wünsche zu formulieren und natürlich alles Gute für Deinen Sohn und Dich

  4. Andree sagt:

    Herrliche Zeilen! Gerade der Wunsch nach dem niemals aufhörenden Umarmen löst fast Tränen aus. Weil es bei all der Kappellei zwischen mir als Sohn und meiner Mama eben immer da ist und auch aus meiner Sohn-Perspektive bitte nie aufhören soll!! Im Übrigen meine ich, dass dir dein Sohn viele der Wünsche, die ihn zu einem ehrenwerten Mann machen sollen, vor allem dann erfüllen kann, wenn er selbstständig seinen eigenen Weg geht – was er ja scheinbar tut. LG, Andree

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